Institute für Sinologie an den Universitäten Freiburg, Heidelberg und Tübingen [Beitrag Nr. 18]

An den Universitäten Freiburg, Heidelberg und Tübingen wird das Studium der Sinologie mit unterschiedlichen Schwerpunkten angeboten. Um diese Studienangebote attraktiver zu machen, sieht der Rechnungshof Verbesserungspotenziale bei der Studienstruktur, den berufspraktischen Teilen des Studiums und der Ausstattung der Institute. An allen drei Standorten sollte auch ein Lehramtsstudiengang „Chinesisch für das Lehramt an Gymnasien“ angeboten werden.

1 Ausgangslage

Die Sinologie ist ein Fachgebiet der Regional-, Sprach- und Kulturwissenschaft, das sich mit der Sprache, der Schrift, der Philosophie, der Kultur und der Geschichte Chinas befasst. In Baden-Württemberg bieten die Universitäten Freiburg, Heidelberg und Tübingen jeweils ein Studium der Sinologie an. Jedes dieser drei sinologischen Institute hat einen eigenen Forschungs- und Studienschwerpunkt festgelegt. Alle drei sinologischen Institute gehen bei ihren Planungen davon aus, dass die Bedeutung des Faches angesichts der immer enger werdenden Beziehungen zwischen Deutschland und China nachhaltig wachsen wird.

Das Freiburger Institut für Sinologie setzt seinen Schwerpunkt auf das moderne China des 20. und 21. Jahrhunderts und deckt die Bereiche Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft ab. In der Forschung befasst sich das Freiburger Institut mit dem Maoismus und seinem Erbe, der Organisation von Arbeit im Sozialismus, Lesekulturen, Konzepten von Geschichte und Zukunft und der Geschlechterforschung. Am Freiburger Institut sind zwei Professuren, eine Juniorprofessur, 2,5 Stellen für Akademische Mitarbeiter und eine Halbtagsstelle für sonstige Aufgaben eingerichtet.

Das Institut für Sinologie an der Universität Heidelberg setzt seinen Schwerpunkt auf das Studium des modernen China und der chinesischen Sprache und Literatur. Darüber hinaus strebt das Institut an, den Studierenden das Verständnis chinesischer Kulturen und Gesellschaften in ihrer gesamten historischen Tiefe von der Bronzezeit bis zur Gegenwart zu vermitteln. Seine wissenschaftlichen Projekte widmen sich der Forschung über chinesische Schulbücher, über Paläografie, den Wissensaustausch zwischen China, Japan und Europa und der zeitgenössischen chinesischen Musik und Populärkultur. Das Institut verfügt über vier Professuren, eine Juniorprofessur und eine Professur, die dem Exzellenzcluster „Asien und Europa im globalen Kontext" zugeordnet ist. Außerdem sind am Institut Akademische Mitarbeiter (5,5 Vollzeitäquivalente) und sonstige Mitarbeiter (1,5 Vollzeitäquivalente) beschäftigt.

Das Sinologische Institut der Universität Tübingen befasst sich schwerpunktmäßig mit Geschichte, Gesellschaft, Sprache, Literatur und Philosophie Chinas sowie der Region Greater China (China, Taiwan, Hongkong, Macao, Singapur). Das Tübinger Institut verfügt über drei Professuren, eine Juniorprofessur und eine Stiftungsprofessur. Hinzukommen sechs Akademische Mitarbeiter und ein sonstiger Mitarbeiter.

Alle drei sinologischen Institute erbringen beachtliche Forschungsleistungen und decken in der Lehre ein breites Spektrum an Teilgebieten der Sinologie ab.

Der Rechnungshof hat die Haushalts- und Wirtschaftsführung der drei Institute für Sinologie geprüft.

2 Prüfungsergebnisse

2.1 Studiengänge und Studienstruktur

Im Wintersemester 2015/2016 verteilten sich insgesamt 747 Studierende mit Sinologie als Haupt- oder Nebenfach auf 14 verschiedene Bachelor- und Master-Studiengänge mit standortspezifischen Studienplänen.

In Tübingen und Freiburg ist der im Bachelorstudiengang obligatorische Auslandsaufenthalt integraler Bestandteil des Studiums, während in Heidelberg erwartet wird, dass sich die Studierenden während ihres Auslandsaufenthalts beurlauben lassen. Das führt zu einer vermeidbaren Verlängerung des Studiums. Die Universität Tübingen unterstützt ihre Studierenden während des Auslandsaufenthalts durch eine Außenstelle in Peking (European Centre for Chinese Studies), die in Kooperation mit anderen Universitäten außerhalb Baden-Württembergs betrieben und finanziert wird.

Speziell in Heidelberg wird für die Studienanfänger noch vor Beginn des Studiums ein obligatorischer Vorsemesterkurs angeboten, der die Abiturienten, die oft nur unzureichende Vorstellungen über den Anspruch eines sinologischen Studiums haben, mit den Anforderungen des Sprach- und Schrifterwerbs konfrontiert und zu einer signifikanten Minderung späterer Studienabbrüche beiträgt.

2.2 Studierendenzahlen

Obwohl der Bedarf an Absolventen sinologischer Studiengänge offenkundig wächst, ist die Zahl der Studierenden teilweise rückläufig. Die Entwicklung der Studierendenzahlen zwischen 2006 und 2016 ergibt sich aus der folgenden Tabelle:

Beitrag 18 Tabelle

Die Tabelle zeigt, dass die Studierendenzahlen in Freiburg und Heidelberg trotz des Einsatzes von Mitteln aus dem Ausbauprogramm 2012 stagnieren oder sogar zurückgehen. In Tübingen ist es durch das Angebot eines Studiengangs mit berufspraktischem Schwerpunkt gelungen, die Studierendenzahl deutlich zu steigern.

Die sinologischen Institute, die Universitäten und das Wissenschaftsministerium sollten eine Strategie entwickeln, die das Interesse von Abiturienten und anderen Hochschulzugangsberechtigten an der Aufnahme eines Sinologiestudiums fördert. Die Institute sind der Auffassung, dass dabei dem Angebot Chinesisch als Fremdsprache in der Oberstufe der Gymnasien eine hohe Bedeutung zukommt. Dafür fehlen gegenwärtig noch sinologisch ausgebildete Lehrkräfte.

2.3 Ausstattung der Institute

Die Institute für Sinologie in Heidelberg und Tübingen sind personell und sächlich sachgerecht ausgestattet. Die räumliche Situation weist jedoch an beiden Standorten einen Entwicklungsbedarf aus. Während in Heidelberg aktuell ein neues Gebäude entsteht, ist in Tübingen eine Verbesserung der räumlichen Situation noch nicht abzusehen.

Am Institut für Sinologie der Universität Freiburg besteht generell Entwicklungsbedarf. Die Studienangebote und die Forschungsschwerpunkte wurden nach einem vor einigen Jahren erfolgten Generationswechsel neu ausgerichtet und seither kontinuierlich weiterentwickelt. Es ist zu erwarten, dass die Universität Freiburg entsprechend der wachsenden Bedeutung des Faches Sinologie die Ausstattung des Instituts und die Rahmenbedingungen des Studiums weiter verbessern wird. So hat die Universität angekündigt, die Lehrkapazität des Instituts durch zusätzliche Mitarbeiter deutlich auszuweiten und künftig auch einen Studiengang Chinesisch für das Lehramt an Gymnasien anzubieten. Wenn die Universität Freiburg im Wettbewerb um die wenigen Studierenden gegenüber anderen Fächern und anderen Standorten konkurrenzfähig sein will, muss sie den bereits begonnenen Verbesserungsprozess fortsetzen.

2.4 Haushalts- und Wirtschaftsführung

Bei der Prüfung der Haushalts- und Wirtschaftsführung der drei Institute haben sich keine schwerwiegenden Beanstandungen ergeben. Insbesondere haben die Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter ihre Lehrverpflichtung im geprüften Zeitraum vollständig erfüllt.

Bedenken machte der Rechnungshof in Heidelberg und Freiburg gegen Art und Umfang der Zusammenarbeit mit den örtlichen Konfuzius-Instituten geltend. Es handelt sich bei diesen Instituten um Einrichtungen, die im Auftrag der chinesischen Regierung tätig, vor Ort aber als eingetragener Verein konstituiert sind. Neben politischen Bedenken, die andernorts zu einer Einstellung der Zusammenarbeit mit den Konfuzius-Instituten geführt haben, zeigten sich Probleme in der wirtschaftlichen Ausgestaltung der Zusammenarbeit. So belasteten die Zuwendungen, die die Universitäten dem Konfuzius-Institut vor Ort gewährten, den zentralen Haushalt der jeweiligen Universität, ohne dass diesen Zuwendungen gleichwertige Gegenleistungen gegenüberstanden. Während in Heidelberg das Rektorat auf eine Beendigung dieser finanziellen Unterstützung hinwirkte, beabsichtigt die Universität Freiburg, das örtliche Konfuzius-Institut auch in Zukunft finanziell zu unterstützen.

3 Empfehlungen

3.1 Zukunft der Institute für Sinologie

Der Rechnungshof teilt die Einschätzung der drei geprüften Institute, dass es sich bei der Sinologie um ein Studienfach mit Wachstumspotenzial handelt. Aufgrund der zunehmend intensiveren wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu China und Taiwan wird gerade in Baden-Württemberg der Bedarf an Absolventen der sinologischen Studiengänge steigen.

Vor diesem Hintergrund verzichtet der Rechnungshof darauf, vorzuschlagen, die Sinologie auf nur zwei Standorte zu konzentrieren. Vielmehr sollte nach Möglichkeit angestrebt werden, dass an allen drei Standorten leistungsfähige Institute für Sinologie vorhanden sind, die für interessierte Abiturienten attraktive Studiengänge und Kombinationsmöglichkeiten anbieten. Dieses Ziel impliziert insbesondere in Freiburg einen spürbaren Entwicklungsbedarf in der personellen, sächlichen und räumlichen Ausstattung. Die Universität Freiburg muss dem Fach Sinologie einen höheren Stellenwert als in der Vergangenheit einräumen.

In Heidelberg und Tübingen muss die Unterbringung der Institute deutlich verbessert werden.

3.2 Nachfrage nach Studienplätzen

Die notwendige Nachfrage nach sinologischen Studienplätzen kann dadurch gesteigert werden, dass Studienangebote konzipiert werden, die - wie in Tübingen erfolgreich praktiziert - ein hohes Maß an Berufsorientierung aufweisen.

Der Rechnungshof befürwortet das Angebot von Lehramtsstudiengängen im Fach Sinologie an allen drei Standorten, zumal diese nur mit geringen Zusatzkosten verbunden sind.

3.3 Studienstruktur

Zur Studienstruktur empfiehlt der Rechnungshof,

  • an allen Standorten (wie in Heidelberg praktiziert) einen Vorsemesterkurs anzubieten, der den Abiturienten schon vor Studienbeginn eine erste Orientierung gibt und die Zahl späterer Studienabbrüche signifikant reduziert und
  • einen verbindlichen Auslandsaufenthalt im Umfang von 1 bis 2 Semestern vorzuschreiben, der Teil des Bachelor-Studiengangs ist.

Der Aufwand, den die Universität Tübingen vor Ort in China betreibt, um ihre Studierenden dort während des Auslandsaufenthalts zu betreuen, ist gerechtfertigt und wird dadurch kompensiert, dass während des Auslandsaufenthalts keine Lehrveranstaltungen in Tübingen angeboten werden müssen.

Bei der Installation sinologischer Masterstudiengänge ist zu berücksichtigen, dass zahlreiche Absolventen der Sinologie bereits nach dem Bachelor-Examen attraktive Beschäftigungsangebote aus der Wirtschaft erhalten und deshalb nicht mit großen Bewerberzahlen für die Masterstudiengänge zu rechnen ist.

3.4 Zusammenarbeit mit den Konfuzius-Instituten

Hinsichtlich der Zusammenarbeit der sinologischen Institute mit den Konfuzius-Instituten verkennt der Rechnungshof nicht, dass sich hieraus ein Zusatznutzen für das Lehrangebot und die Öffentlichkeitsarbeit der sinologischen Institute ergeben kann. Allerdings zeigen die Erfahrungen in Heidelberg und Freiburg, dass die Zusammenarbeit problematisch sein kann. Subventionen sind allenfalls dann gerechtfertigt, wenn sie im Zusammenhang mit konkreten Gegenleistungen der Konfuzius-Institute stehen und der Universität und ihren Studierenden zugutekommen.

4 Stellungnahme des Ministeriums

Das Wissenschaftsministerium begrüßt, dass der Rechnungshof die beachtlichen Forschungsleistungen an allen drei sinologischen Instituten und ihr breites Spektrum an Teilgebieten in der Lehre anerkennt und die Notwendigkeit befürwortet, die Sinologie an allen drei Standorten durch gut ausgestattete und leistungsfähige Institute vorzuhalten. Da es sich bei der Sinologie um ein Studienfach mit Wachstumspotenzial handele, werde der Bedarf an Absolventen der sinologischen Studiengänge in Baden-Württemberg steigen. Dies sei auch an den zunehmend intensiveren wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu China und Taiwan zu erkennen.

Das Ministerium teilt die Auffassung, dass die Unterbringung der Institute für Sinologie in Heidelberg und Tübingen verbessert werden muss und dass geprüft werden sollte, Lehramtsstudiengänge im Fach Sinologie an allen drei Standorten vorzusehen. Es teilt die Empfehlung des Rechnungshofs, zu prüfen, ob der Vorsemesterkurs wie in Heidelberg auch an den anderen Standorten angeboten und ein verbindlicher Auslandsaufenthalt im Umfang von 1 bis 2 Semestern vorgesehen werden soll.

Hinsichtlich der Zusammenarbeit der sinologischen Institute in Freiburg und Heidelberg mit den Konfuzius-Instituten werde darauf geachtet, dass für das finanzielle Engagement konkrete Gegenleistungen erbracht werden, die sowohl der jeweiligen Universität als auch den Studierenden zugutekommen. Beide Standorte legten auch großen Wert darauf, dass die Zusammenarbeit in politischer und finanzieller Hinsicht korrekt und transparent gestaltet wird.